Ich politisiere, weil ich das Glück hatte in der Schweiz geboren zu werden. Die Bundesverfassung der Eidgenossenschaft garantiert mir Meinungs- und Informationsfreiheit. Und ich kaufe und konsumiere vor allem Schweizer Medien. Solange es nicht um Politik geht, fühle ich mich von den meisten Medien gut informiert und in eigenen Anliegen respektiert.

Ein Gastbeitrag von Christian Riesen, Unternehmer und NoBillag-Mitinitiant

In Sachen Politik sieht das anders aus. Jüngstes Beispiel ist NoBillag. Von Journalisten Pascal Ritter von den AZ Medien erhielt ich folgende Anfrage: «Vor einiger Zeit haben Sie sich bei Patrik Müller gemeldet, mit dem Anliegen über NoBillag als Graswurzelbewegung zu sprechen, welche die Unterschriften im Restaurant Bahnhof zählte.» – Genau, ich störte mich daran, dass sämtlichen Gegnern, aber auch dem Gewerbeverband Platz eingeräumt wird, über NoBillag zu sprechen. Nur wir von NoBillag, also die Urheber der Volksinitiative, konnten sich nie direkt zu unserem Anliegen äussern. Ich fand, dass die Anfrage berechtigt war, schliesslich lesen und kaufen auch NoBillag-Befürworter Zeitungen der AZ Medien.

Ich gehe davon aus, dass mindestens ein Drittel der AZ Medien-Leserschaft NoBillag-Befürworter sind. Der Termin mit dem Journalisten fand statt. Nicht NoBillag stand im Zentrum seiner Fragen, sondern ich als Person und was ich vor über 20 Jahren tat und getan haben soll. Ich war perplex. Mein Reflex: Da will jemand mir als Person und dem legitimen, demokratischen Anliegen von NoBillag schaden. Wohlverstanden, hinter NoBillag standen viele Einzelpersonen und Mitglieder von Jungfreisinn und der Jungen SVP. Keine Grosspartei, keine Lobbyingorganisation und keine Firmen. Eine Graswurzelbewegung wie aus dem Bilderbuch. Wir haben sogar sämtliche Unterschriften selber und in ehrenamtlicher Arbeit bearbeitet. Da stand keine teure Profiorganisation dahinter wie bei anderen Anliegen.

Wichtige NoBillag-Themen – für die AZ Medien uninteressant

Ich intervenierte beim Journalisten freundlich und wies auf für mich wichtige, bislang in den AZ Medien-Zeitungen nie oder zu wenig diskutierte Fragen hin wie beispielsweise:

  1. Warum hat das Initiativkomitee nicht die SOS-Initiative unterstützt, welche mit Vorlauf gleichzeitig lief und die Abschaffung von Zwangsgebühr und SRG forderte?
  2. Was ist mit den über 60'000 Inkassofällen pro Jahr? Wer bezahlt das schlussendlich. Weshalb steigen die Fallzahlen ab 2019?
  3. Warum sind wir überzeugt, dass sich die Sender am Markt finanzieren können?
  4. Welche Möglichkeiten haben sinnesbehinderte Menschen heute?
  5. Wohin trägt uns der technische Fortschritt?

Der Journalist bedankte sich zwar für meine Mail, publizierte schlussendlich aber einen Artikel, der sich nicht mit NoBillag beschäftigt, sondern mit mir als Person. Obwohl ich unternehmerisch genügend Risiken eingehe, gibt es da gegenwärtig und in den letzten Jahren nichts Negatives zu berichten. Da gräbt man halt tiefer und findet – welch ein Wunder – meine politischen Anliegen, welche zuletzt vor fast 20 Jahren (!) Schlagzeilen machten. Schlagzeilen, weil die Hüter der Political Correctness für gewisse Themen die mediale – Ironie der Geschichte – Todesstrafe vorsehen.

Selbstverständlich war die Themenwahl vor 20 Jahren nicht besonders geschickt aber wenigstens ehrlicher als der Umgang vieler Journalisten mit dem unglücklichen Thema. Ein Thema, zu dem die SRG vor 20 Jahren übrigens eine teure, repräsentative Umfrage in Auftrag gab. Eine Umfrage, welche nie veröffentlicht wurde, weil das Resultat – so eine damalige SRG-Redaktorin – «dem aktuellen Zeitgeist entsprach» – aber halt nicht dem Wunsch der Auftraggeber. Als Tierschützer unterstützte ich dann später eine Volksinitiative im Sammelstadium, welche das betäubungslose Schlachten verbieten wollte. Der Inhalt der Initiative – «Säugetiere und Geflügel sind vor dem Blutentzug zu betäuben, derart, dass sofortige, bis zum Tod anhaltende Empfindungslosigkeit eintritt» – war und ist aus meiner Sicht ein berechtigtes Anliegen. Der Titel der Initiative war jedoch von den Initianten derart unglücklich gewählt, dass ich mich plötzlich mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert sah. Ich, der mit Rassismus o.ä. wohl weniger zu tun hat, als eine Kuh mit Klavierspielen. Genau das gräbt der AZ Medien-Journalist nach über 15 Jahren aus – ohne Rücksprache für die korrekte Einordnung und durch Abschreiben einer unnötigen Beleidigung.

AZ Medien – das Versagen der vierten Gewalt in der Region

Journalisten weisen gerne auf neutralen und unabhängigen Journalismus, auf das Recht der Öffentlichkeit aber auch auf das Recht des Vergessens hin. Das klappt meistens sogar – solange es nicht Mitglieder der SVP betrifft. Interessanterweise ist aber genau die SVP einerseits die wählerstärkste Partei und zudem die Partei mit den mit Abstand meistens Inhaber eines KMU. Journalisten müssten betriebswirtschaftlich nicht unbedingt bewandert sein, sollten aber die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung kennen.

So jammern Zeitungen über immer weniger Abonnemente und Inserate. Viele SVP-Ortsparteien und SVP-Mitglieder inserieren schon lange nicht mehr in den Medien, von denen sie oft nur verunglimpft werden. Ich erhielt im Nachgang der Veröffentlichung des angeblichen NoBillag-Artikels etliche Mails, Anrufe und Nachrichten, dass sie ihr Abonnement gekündigt beziehungsweise nicht mehr erneuert haben oder kündigen werden. Wohlverstanden – nicht nur von SVP-Mitgliedern.

Schade, denn unabhängige Zeitungen wären wichtig. Noch viel verrückter finde ich, dass Verlage wie die AZ Medien derartigen, unausgewogenen Journalismus ermöglichen und damit ihre Probleme bezüglich weniger Abonnemente und weniger Inserate nicht nur beschleunigen, sondern verursachen. Und da sind wir letztendlich auch wieder bei NoBillag. NoBillag will die Abschaffung der Zwangsgebühren. Ich unterstütze das Anliegen, weil ich als Ingenieur belegen kann, dass der technische Fortschritt Zwangsgebühren bereits überflüssig gemacht hat und noch überflüssiger machen wird. Netter Nebeneffekt: Ich mag auch keine Medien finanzieren müssen, die konsequent eine politische Agenda verfolgen, welche zum Beispiel bei der Energiestrategie meinem Physikwissen widersprechen oder mir dauernd einreden wollen, wie ich in verschiedenen gesellschaftlichen Themen doch völlig falsch denke. Dabei lebt gerade die Demokratie von einer lebendigen Diskussion. Zumindest dachte ich das immer.

Das Versagen der vierten Gewalt – auch bei den AZ Medien – sieht man gegenwärtig vor allem in der NoBillag-Debatte exemplarisch. Praktisch kein Journalist hinterfragt die wahren Interessen der NoBillag-Gegner aus Politik, Medien und Kultur. Kein Journalist hinterfragt, wer und warum die mehreren Millionen Franken Werbewert gegen NoBillag initiiert und zur Verfügung stellt. Zur Klarstellung: Die Graswurzelbewegung NoBillag hat rund 200'000 Franken für ihre Kampagne zur Verfügung. Kein Journalist hinterfragt, weshalb die elektronischen Medien früher mit viel weniger Gebührengeldern arbeiten konnten als heute. Kein Journalist hinterfragt, wohin die Gebührengelder in den so genannten privaten Radio- und TV-Stationen wirklich hinfliessen. Kein Medium verlangt von der SRG-Führung, die bislang nicht übernommene und teuer abgegoltene Führungsrolle wahrzunehmen und klare Lösungen auf den Tisch zu legen. Es gäbe noch etliche Themen, wenn die vierte Gewalt nicht komplett versagen würde.

Auch in der Region Nordwestschweiz nimmt das Medienhaus von Peter Wanner leider die Verantwortung der vierten Gewalt nicht wahr. Wenn die Zeitungen der AZ Medien weiterhin Abonnemente und Inserate verlieren, haben sie das darum in erster Linie selber zu verantworten.

In der heutigen, digitalen Zeit funktioniert es zum Glück aber so: Wo es ein Informations-Vakuum gibt, wird es auch ein Medien-Unternehmen oder Medien-Startup geben, dass das Vakuum füllen wird und damit eine Alternative für die AZ Medien sein wird. Gut gibt es soaktuell.ch – die Internetzeitung für die Region Aargau-Solothurn.

 

Foto v.l.n.r.: Florian Maier, Sonja Barbosa, Christian Riesen, Andreas Kleeb (Bild: BigPics, Pat Grünig)

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